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Impuls

25. Juni 2019

Hier wäre ein Komma hilfreich

Sei ein Komma, nicht ein Punkt! (Ramya Kumar).

Im Zeitalter von SMS, Facebook, Twitter, WhatsApp, und Co. wird weitgehend auf Satzzeichen verzichtet. Weil alles schnell gehen muß, wird oft salopp formuliert. Geschrieben wird eher so, als würde man sprechen. Und wenn man spricht, braucht es keine Satzzeichen, denn der Fluß der Worte mit ihrer Melodie und kleinen Päuschen genügen, um uns den Sinn des Gesagten erkennen zu lassen. In der geschriebenen Sprache ist es aber anders: Da dient das Komma als Sinnstifter, indem er Satzteile voneinander absetzt und deutlich macht, welche Worte wohin gehören und wie. Das kann u.U. entscheidend sein.

Dem preisgekrönten Film The English Patient liegt ein (gleichnamiger) Roman von Michael Ondaatje zugrunde. Dort liest die Kanadierin Hana dem englischen Patienten aus seinen Büchern vor, u.a. aus der Dichtung ‚Kim‘ von Rudyard Kipling. Das tut sie aber gar nicht gut, darum unterbricht er:
„Lies ihn langsam, Mädchen, du mußt Kipling langsam lesen. Achte genau darauf, wo die Kommas hinkommen, damit du die natürlichen Pausen herausfindest. Er ist ein Schriftsteller, der Tinte und Papier benutzt hat. Vermutlich hat er recht oft von einer Seite aufgeschaut, durchs Fenster geblickt und den Vögeln gelauscht wie viele Schriftsteller, die allein sind…. Dein Auge ist zu schnell und nordamerikanisch. Denke an die Geschwindigkeit seiner Feder. Was wäre das sonst für ein entsetzliches Tentakelungetüm von einem ersten Absatz.“

Ja, durch Kommas werden Nebensätze von Hauptsätzen abgesetzt, auch wenn dort beim Vorlesen kein Päuschen nötig ist. Kommas wollen Unklarheiten vorbeugen und ermöglichen allerlei Zwischenbemerkungen. Gleichzeitig schaffen sie etwas Luft und Erleichterung. Sie sind Atemzeichen (v.a. im Englischen). In der Literatur kann sich darum sehr viel hinter einem Komma verbergen. Ebenso in einem wohlüberlegten Brief. Doch das Wichtigste beim Komma ist vielleicht dies: Es ist kein Punkt – kein Schlußpunkt. Nach jedem Komma geht’s weiter – geht vielleicht erst richtig los!

Nach dem großen Konzil in Jerusalem (Apg 15) bricht der Apostel Paulus mit seinem Mitarbeiter Silas zu einer zweiten Missionsreise auf. Zunächst läuft alles rund: Überall, wo sie in den Gemeinden hinkommen, sind sie willkommen; sie überbringen die inklusiven(!) Beschlüsse der Konferenz, alle machen sich gegenseitig Mut, die Begeisterung ist greifbar. Die Apostel wollen aber jetzt ein Stück weiterkommen und das Evangelium in der Provinz ‚Asien‘ verkünden… Doch das wird ihnen verwehrt – „vom Heiligen Geist“. Niemand kann uns sagen, was das heißt, aber jene beiden merken, daß es mit ihrem Vorhaben nicht funktioniert. Was tun jetzt? Zieht Gott hier eine Grenze? Will Gott hier einen Punkt setzen? Paulus und Silas versuchen eine andere Reiseroute. Es dauert aber nicht lange, bis auch diese Route für sie gesperrt ist – „der Geist Jesu“ läßt es ihnen nicht zu. Es mag uns nun schon Wunder nehmen, was hinter solchen Worten steckt; aber wer unter uns hat noch nie erlebt, daß ihm Wege und Türen zugeschlossen blieben? Ist hier nun Schluß? Nein, empfinden Paulus und Silas, das ist kein Punkt, sondern eine Art Komma. Jetzt versuchen sie es in Richtung Ägäisches Meer… An der Küste bei Troas angekommen, legen sie sich schlafen. Und im Traum sieht Paulus einen Mann, der ihn eindringlich bittet: „Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!“ – Dorthin geht die Reise! Das ist es, was Gott will! Dort wird auf uns gewartet!

Wir dürfen es Gott ebenso überlassen, uns Türen aufzutun und sich uns bei Bedarf in den Weg zu stellen. Denn an solchen Punkten in unserer Geschichte ist ein Komma vonnöten und hilfreich. Wo ich resignieren mag, will Gott, daß ich neu und anders aufbreche. Dicht auf ein Komma folgt eben oft ein ‚ABER….‘

Manche nehmen das Gleichnis vom Komma ein Stück weiter, denn sie sehen ihre persönliche Lebensgeschichte eingebettet in eine viel größere Geschichte des Lebens. Auf die Frage, wie die eigene Geschichte hilfreich dazu beitragen könne, lautet die Antwort in einem Song der Rockband Coldplay: Ich wäre lieber ein Komma als ein Punkt…. Ich will so sein, daß es nicht mit mir aufhört, sondern daß es gut weitergehen kann, daß neue Möglichkeiten sich auftun. Ich will und darf ein Hoffnungszeichen sein!

Und darum empfiehlt Ramya Kumar: Sei ein Komma, nicht ein Punkt!

Mittlerweile ist die Sommerzeit angekommen. Wäre bei dir eine größere – oder wenigstens kleinere – Pause angesagt? Wäre ein Komma hilfreich? Nimm dir diese Zeit!

Peter Caley